Sprachlos in Uefte

Wo die Menschen für sich sprechen, die Landschaft weit und überall Gegend ist und der Schützenkönig fünf Jahre regiert.

Der Bauer schafft in der Bauernschaft. Johannes Niebur mit Enkel Kevin. Und gleich tuckert der Deutz wieder los.
Am Bildstock: Ferdi Baumeister, so eine Art Ur-Üfter. Der weiß alles, kennt jeden und, klar, jeder kennt ihn.
Maria Möllmann. Mutter der Volkstanzgruppe. Hält alle zusammen. “Wer in Üfte lebt, der tanzt auch.”

ÜFTE. Uffdasindwir – schon durch. Wiesen, Kühe, Schafe, die B 58, mittendurch, schnurstracks. Und wo sind die Üfter in Üfte?

Aaaja, da! “Guten Tag. Wir sind von der Zeitung. Dürfen wir Sie mal was fragen?” Der Herr auf dem Deutz auf dem Feld winkt fröhlich – und tuckert vorbei. “Ha-ll-o….?!” Der Mann wendet – das Gras, den Trecker und dann tatsächlich auch den Kopf. “Tach.” – “Guten Tag. Sind Sie aus Üfte?” – “Jo.” – “Ziemlich ruhig hier.” – “Jo.” – “Wie heißen Sie denn?” – Der Mann legt die Hand hinters Ohr. Wir bölken freundlich übers Feld: “Wir suchen die Üfter in Üfte.” – Der Mann schüttelt den Kopf. Nee, so geht das nicht.

Ein Dreh-Moment später, der Deutz tuckert aus – und es wird wunderbar still, wunderbar friedlich, wunderbar ruhig. Wir entdecken die Kraft des ungesprochenen Wortes, sprachlos in Üfte.

In diesem schmalen Landstrich zwischen Niederrhein und Westfalen reduziert sich die Kommunikation auf das Wesentliche: Ein Lächeln, ein Augen-Blick, eine freundliche Geste, ein klares Schweigen. “Niebur”, dröhnt es dann plötzlich vom Deutz herunter. “Johannes.” Bevor unser Gesprächspartner den Trecker wieder anschmeißt, erfahren wir ne ganze Menge. Johannes Niebur ist 70 Jahre alt. Hinten auf dem Beifahrerschemel, das ist der Enkel, Kevin, 12, der hat Ferien. 30 Kühe, 45 Hektar Land, das beackert der Sohn. Bevor der Bauer wieder schafft in seiner Bauernschaft, hören wir noch, dass das Schützenfest das Ereignis schlechthin ist. “Alle fünf Jahre”. – “Alle fünf Jahre nur?” – “Jo. Aber es gibt Vor- und Nachfeiern.”

In Üfte, dieser 332-Seelen-Ländlichkeit zwischen Damm, Bricht und Gahlen – am Rande der Gemeinde Schermbeck – ist man Fremden gegenüber freundlich und hilfsbereit, geduldig und sehr verständnisvoll. Wortreich sind sie nicht, die Üfter, macht aber nix. Menschen und Landschaft sprechen für sich.

Asphalt wird zu Rasen

“Wenn Sie was über uns wissen wollen, müssen Sie Ferdi Baumeister fragen”, ruft Maria Brüninghoff zu uns runter. Die Brüninghoffs kriegen gerade ein neues Dach, der Garten grenzt ans Maisfeld, die asphaltierte Zuwegung bricht unvermittelt ab und wird übergangslos Rasen. Ferdi Baumeister? “Ja, aber beeilen Sie sich, der ist mittags oft mit dem Rad unterwegs.” – Oder schläft, sagt die Schwiegertochter, als wir mutig klingeln, “aber kommen Sie ruhig rein.”

Ferdi Baumeister ist 79. Sein Leben lang hat er in Üfte verbracht, war Landwirt, zwischendrin für die CDU im Rat. Da haben sie nach acht heiß diskutierten Jahren durchgekriegt, dass Üfte einen Radweg bekommt – und alle Anlieger haben einen Streifen Land dafür abgegeben. Der geplante Windpark ist nie realisiert worden. “Hat sich kein Investor finden lassen”, sagt Ferdi Baumeister und kann sich ein Grinsen nicht ganz verkneifen. “So Dinger passen doch eher ins unbesiedelte Land.”

Dann zeigt er uns, was wirklich schön ist: Die Weggabelung mit dem Bildstock. Eine stille Ecke zum Ausruhen, Seele baumeln lassen, gucken, Zeit wiederfinden. “Halten wir alle in Schuss. Auch die Jugend.”

Wenn der Üfter sich versammelt, feiert oder festlich sein möchte, dann geht er zu Familie Triptrap. Seit Jahrzehnten. Wenn ein Ort keine Kirche hat, kein Gemeindezentrum, nicht mal einen Marktplatz, dann wird die Kneipe zum Mittelpunkt -und die Familie Triptrap auch, die seit fast 100 Jahren Kneipe, Gaststätte, Landgasthof betreiben. Ein Kolonialwarenladen war auch mal drin, zeitweise eine Tankstelle (also eine für Autos). Heute sind da Johannes und Christine Triptrap zu Hause, kochen, backen und servieren. Blank gescheuerte Gastlichkeit mit selbstgebackenem Schwarzbrot und den Fotos sämtlicher Üfter Schützen-Thron-Gesellschaften an der Wand.

Mit Pfeife und Gebetbuch

Da isset wieder: Schützenfest, genauer: Trachtenschützenfest. Maria Möllmann, 72, ist seit 50 Jahren die Seele der Üfter-Overbecker Volkstanzgruppe. Alle fünf Jahre feiert und tanzt die ganze Bauernschaft, Jung und Alt, Tag und Nacht. Frau Möllmann holt die Alben raus: “Hier. Unsere Kinder-, die Jugendgruppe. Die Verheirateten tragen blaue Kittel.” Klompen haben alle, natürlich. “Rheinländer, Weber-, Nagelschmiedtanz, ach Gott, ganz viel”, sagt Frau Möllmann, haben die Üfter im Repertoire. Auf der Grünen Messe im Januar in Berlin werden sie für den Niederrhein tanzen. Wobei die meisten Üfter ja die geborenen Westfalen sind. Macht aber nix. Ein wahrer Üfter schweigt – und genießt.