Gefährliche Weltenbummler

„Die ganz gefährlichen Sachen haben wir noch nicht“, sagt Förster Ulrich Körschgen. Nur die Blattbräune der Rosskastanie, den Eichenmehltau und das Ulmensterben als Pilze sowie die Rosskastanienminiermotte.

Außerdem den Schwarzen Nutzholzborkenkäfer, unter anderem. Sie alle sind Weltreisende, die bei uns heimisch wurden. Und alle sind sie höchst unwillkommen. Obwohl: Es gibt schlimmere. Der Schermbecker Körschgen hat die Aufgabe, genau die von den heimischen Wäldern fernzuhalten. Fremde Krabbeltiere wie der Asiatische Laubholzbockkäfer und die gefürchtete Kiefernholznematode, ein Fadenwurm, reisen gern in importiertem Holz ein.

Fast jeder Warenimport enthält Holz: Als Paletten, als Stapelholz, in Form von Sägespänen – die Möglichkeiten sind vielfältig. „Bei preiswerten Waren ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch minderwertiges Holz genutzt worden ist“, weiß der Kontrolleur. Jeder Import muss beim Landesbetrieb Wald und Holz angemeldet werden. Dieser Tage erwartet Körschgen einen Container aus Vietnam in Wesel. Er wird ihn sich genau ansehen, denn eingeschleppte Schädlinge können für die Holzwirtschaft eine Katastrophe sein.

Ein Befall mit den aggressiven Fadenwürmchen Kiefernholznematode würde radikal bekämpft. „Rund um den befallenen Baum müsste jeder andere Baum im Umkreis gefällt werden, 13 Hektar Wald würden vernichtet“, erläutert Körschgen. „Stellen Sie sich vor, das würde mitten in Wesel passieren….“ Jeder Straßenbaum, jeder, der in den Gärten steht, müsste dann gefällt und verbrannt werden. Auf einer Fläche von 13 Fußballfeldern eine Stadt ohne grün.

Bornheim bei Bonn hatte bereits einen Befall, im vergangenen Jahr traf es die niederländischen Nachbarn in Winterswijk. Insekten fühlen sich bei warmen Temperaturen wohl und der Klimawandel bringt Tiere zu uns, die noch vor Jahren hier nicht hätten leben können. Sie haben keine natürlichen Gegner am Niederrhein und können so verheerende Schäden anrichten: Portugal beispielsweise darf kein Holz exportieren, weil es den Schädling nicht erfolgreich bekämpfen konnte.

Wegen der Gefahr, die ein internationales Problem ist, gibt es auch internationale Lösungsansätze: Wer Holz exportiert, muss es vorher behandeln. So wird jede Palette, die das Palettenwerk Seier in Raesfeld verlässt, eine halbe Stunde lang auf mindestens 56 Grad in einer Kammer erhitzt. „Bei dieser Temperatur gerinnt tierisches Eiweiß“, erklärt Körschgen das Prinzip.

Ausgekrabbelt. In anderen Ländern wird das Holz begast, was in Deutschland verboten ist.

Ein Stempel verrät den Kontrolleuren in aller Welt, ob das Holz vom Exporteur fachgerecht behandelt worden ist. Ist es das nicht, wird es teuer. In Bocholt ist jüngst ein Container voller Bohrkäfer angekommen, registriert in Indien. „Das Holz konnte in Bremerhaven nachbehandelt werden“, erklärt Körschgen. Andere Lieferungen werden im Zweifel verbrannt oder es heißt schlicht: Zurück an Absender. „Über das Portemonnaie lernen die Exporteure, sich besser zu verhalten“, sagt Körschgen. Und nur über das Portemonnaie.

Foto: Günter Blaszczyk

Foto: Günter Blaszczyk

Ulrich Körschgen ist im Auftrag des Regionalforstamts Bergisches Land in Gummersbach in der Weseler Region mit der Prüfung des Warenflusses beauftragt. Er behält Lkw und Schiffe im Auge, die Waren aus dem nichteuropäischen Ausland geladen haben.

Das ist nicht seine einzige Aufgabe: Der 56-Jährige betreut die privaten Waldbesitzer in Schermbeck und Hünxe, berät sie, unterstützt sie bei Förderanträgen, bei Baumfällungen und allen Themen rund um den Wald und die Verwertung des Holzes.


Susanne Zimmermann, WAZ.de, 29.07.2013
Quelle: http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-wesel-hamminkeln-und-schermbeck/gefaehrliche-weltenbummler-id8251864.html