Dem Lockruf der Hirsche gefolgt

Seltenes Natur-Schauspiel in der Dämmerung nahe Schermbeck: Der Regionalverband Ruhr führt Landrat und Vorstand des Naturparks Hohe Mark zu den Brunftplätzen des Rotwildes in der Üfter Mark. Bis Mitte Oktober haben sich zudem zahlreiche Besucher angemeldet.

Kreis Wesel Die schnellen Schritte von RVR-Revierförster Christoph Beemelmans führen ins Ungewisse. Der sandige Boden gibt immer wieder nach, große Wurzeln werden im Stockdunklen zu Stolperfallen. Das Waldgebiet Üfter Mark duftet am frühen Morgen nach feuchtem Holz und Kiefer. Über den Wipfeln breitet sich der Sternenhimmel imposant aus.

Darunter wandert die Truppe stramm ihrem Ziel entgegen: Hinter der nächsten Abzweigung – zwischen der B 224 und dem Weg Nottkamp nordöstlich von Schermbeck – hat der RVR eine Beobachtungshütte gebaut. Der Blick geht hinaus auf eine Schneise im Kiefernwald. Gegenüber liegt hinter einem schmalen, mit Bäumen bestandenen Streifen eine Wiese. Sie schimmert hell in der aufziehenden Dämmerung.

Die Stille der Naturidylle wird jäh unterbrochen. Unaufhörlich – fast im Sekundentakt – sind die eindringlichen Rufe von sechs bis acht Rothirschen zu hören. Es ist Brunftzeit in der Üfter Mark. 10 000 Besucher strömen jährlich in den zwei Haupt-Monaten der Paarungszeit – von Mitte August bis Mitte Oktober – ins Revier von Christoph Beemelmans. “In Kleingruppen können sie das Schauspiel in der Abenddämmerung erleben”, flüstert der RVR-Förster.

“Aber auch am Tag haben Wanderer gute Chancen, die Tiere zu entdecken.” Denn das circa 1500 Hektar große Waldgebiet ist Lebensraum für die zahlenmäßig bedeutendste Rotwild-Population am Niederrhein (siehe Info) und macht die Üfter Mark somit zu einer Attraktion im Naturpark Hohe Mark Westmünsterland.

Plötzlich hält die Gruppe den Atem an. Alle blicken in eine Richtung, stumm werden Ferngläser hin und her gereicht. Wer husten muss, versucht, den Reiz zu unterdrücken. Nur wenige Meter neben dem Wanderweg steht ein imposanter Hirsch – in freier Wildbahn. Krachend ist er durchs Unterholz galoppiert, um einen jungen Nebenbuhler zu vertreiben. “Den hat er flottgemacht, ihm den Weg zum Weibsrudel versperrt”, sagt Förster Beemelmans mit gedämpfter Stimme, als der Platzhirsch langsam wieder Richtung Wiese trottet.

Mit acht Jahren stehen die männlichen Tiere in ihrer Blütezeit. Dann wiegen sie bis zu 120 Kilo und strotzen vor Kraft. Die setzen sie zur Brunftzeit im Kampf gegen Rivalen ein. Jetzt sind eher harmlose Raufereien zu hören. Dichter Bodennebel hüllt das Spektakel wie in Watte. Nur das Röhren der Hirsche ist zu hören – nicht säuselnd, sondern lautstark. Ein Lockruf – dem Laut einer Kuh ähnlich. Dann herrscht Schweigen im Walde. Nur der intensive, bittere Brunft-Geruch der männliche Tiere steigt in die Nasen.

“An den Stimmlagen der Rothirsche kann ich ausmachen, wie die Stimmung in den einzelnen Rudeln ist”, erläutert Förster Beemelmans. Im Herbst, wenn die Geweihe der männlichen Tiere fertig ausgebildet sind und ihr Hormonspiegel steigt, lösen sich die lockeren Verbände der Rothirsche auf. Sie gehen auf die Suche nach Kahlwild, scharen schließlich durch ihr Röhren mehrere Hirschkühe um sich.

“Zum Ende der Paarungszeit legen sich die männlichen Tiere am Tag zur Ruhe. Sie sind ausgepowert, oder, wie der Experte sagt, abgebrunftet, nehmen keine Nahrung zu sich”, erzählt der Förster, während er von einem Hirsch-Stottern – ein Schreckruf – unterbrochen wird. Beemelmans hat eine Veränderung im Geschlechterverhältnis ausgemacht: Es gibt mehr männliche und weniger weibliche Tiere in der Üfter Mark. Folge: Junge Rothirsche wandern ab, unter anderem Richtung Hamminkeln-Brünen.


Julia Nakötter, RP Online, 30.09.2011
Quelle: http://www.rp-online.de/niederrhein-nord/wesel/nachrichten/dem-lockruf-der-hirsche-gefolgt-1.2192245